Ausparken und Slippen

Gestern habe ich meine Kabine im Schiff bezogen und konnte so am Morgen das erste mal wieder an einem Tisch arbeiten. Da der Salon und der überwiegende Teil des Schiffes mittlerweile wohnlich und größtenteils Staubfrei sind, war das der reinste Luxus gemütlich mit einem Kaffee da zu sitzen und in Ruhe Emails und Code wälzen zu können. Da die Geschäfte hier Samstags nur bis 14 Uhr geöffnet haben, bin ich in Begleitung von Paul mit dem Rad ins Dorf gefahren habe Lebensmittel eingekauft und ein paar neue Socken. Ich hab zwar reichlich eingepackt, die Menge an Staub hatte ich allerdings unterschätzt. Den angehenden Nachmittag habe ich damit verbracht unter Deck weiter für Ordnung zu sorgen. Meine arbeiten wurden davon unterbrochen, dass Kapitän Carsten mir bescheid gesagt hat, dass in kürze das Schiff direkt neben uns ins Wasser kommt. Anders als bei dem Schiff was aus dem Wasser kam, wurde das Schiff neben uns mit einem Slippwagen ins Wasser befördert. Slippen kannte ich schon da ich das mal mit einer kleinen 7m Jolle erlebt habe. Technisch ist der Slippwagen auf dem das Schiff durch die Gegend gefahren werden kann,  eine Art Anhänger der rechts und links jeweils eine schmale Auflagefläche hat. Der Anhänger wird auf einer Schrägen die ins Wasser geht ins Wasser gefahren bis das Schiff mit dem Bug so weit im Wasser liegt das es sich vorne vom Anhänger lösen kann und ins Wasser slippt (rutscht).  So weit so gut, nur ist das Schiff neben uns etwa 20 m lang, steht eingekesselt von 2 nicht weniger großen Booten und den dazugehörigen Leitern,  Werkzeugen die drum herum liegen, und wiegt ca. 28t 🙂

Nicht Weniger beeindruckend der Slippwagen. Die Slippwagen die ich bisher gesehen habe, konnte man hinter ein normales Auto spannen. Ein Slippwagen für ein 20 m / 28 t Boot hat dann schon etwas andere Dimensionen. Mit einer Länge von ca. 40 m und gezogen von einem kleinen Bulldozer fühlt man sich auf einmal in eine Szenerie versetzt die einen an das berühmte Bild der Männer auf dem Empire State Building erinnern. Weder der Slippwagen noch die Vorstellung wie man dass Schiff nun auf den Wagen bekommt, möchten sich mit den grenzen meines physikalischen Vorstellungsvermögen vertragen. Die Auflageflächen des Slippwagens sind in 4 Abschnitte eingeteilt, die sich via Hydraulik hoch und runter fahren lassen.  Jeder Abschnitt lässt sich an 4 Stellschrauben so justieren, dass diese sich dem runden Bug des Schiffes anpassen. Ein Schiff an Land wird unterm Kiel auf Aufsätze gestellt und dann an beiden Seiten mit stabilisierenden Pfeilern abgestützt damit es nicht umkippt. Möchte man nun das Schiff also auf den Slippwagen befördern, so muss man den Wagen Stück für Stück unter das Boot fahren und einen Pfeiler nach dem nächsten Weg nehmen, bis das Boot nur noch auf den Aufsätzen liegt.  Da der Bug des Schiffes jedes Jahr mit Antifouling angestrichen werden muss, fehlt also der Anstrich an den Stellen wo das Schiff auf den Pfeilern aufgelegen hat. Der Aufladevorgang des Schiffes ist eine etwa 10 min dauernde Kulisse die ein Wechselspiel zwischen Abwägen ob der Wagen passt, dem Einwinken des Fahrers der den  Bulldozer fährt, dem Entfernen der letzten antifoulingfreien Flächen und dem hochschrauben der Auflageflächen hin- und her wechselt und mal hektisch und mal sehr überlegt und hamoisch wirkt. Wenn das Schiff dann endlich auf dem Wagen liegt, werden die letzten Stützen unter dem Kiel entfernt und es kann Ausgeparkt werden.

Plötzlich setzen sich 20m/28t in Bewegung. Aber nicht nur das sondern das Ausparken spielt sich in einer Parklücke ab, die rechts und links teilweise nur wenige Zentimeter platz bietet und eine falsche Entscheidung die umliegenden Schiffe beschädigen oder sogar zu fall bringen könnte. Fällt ein Schiff entsteht ein Dominoeffekt und alle weiteren Schiffe in der Reihe fallen auch. Es ist also höchste Präzision gefragt und ich war nicht überrascht das alles sauber geklappt hat, denn das Maß an Präzision und gutem Zusammenspiel hatte ich den letzten Tagen schon bei einigen Aktionen die man hier zu sehen bekommt beobachten können. Das Ausparken ging dann erstaunlich schnell und die Wahrnehmung der Größe des Schiffes relativiert sich im Handumdrehen wenn das Schiffe auf dem Slippwagen ist. Noch einmal rangieren und dann ist das Schiff in Postion um seinen Weg ins Wasser zu starten.

Kurz nach dem das Schiff im Wasser war kam gewaltiger Wind auf, der das Arbeiten an unserer Rollgenua zum Abbruch gebrach hat. Ich persönlich war ein klein wenig froh darüber, denn Kapitän Carsten hatte heute schon bestimmt 2 Stunden im Mast verbracht. Auch wenn die Fotos idyllisch aussehen so ist die ganze Sache bei ca. 25 Grad nicht wirklich ein Vergnügen. Leider sitz die Genua noch nicht richtig und nun müssen wir warten bis weniger Wind ist um die letzten Arbeiten abschließen zu können.

Hier nochmal der Aufladevorgang in voller Länge.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.