Boarding

Die letzten Tage waren zwischen Arbeit am Rechner mit den Restarbeiten am Schiff gefüllt. Das Antifouling ist drauf, das Deck ist aufgeräumt und der große Moment in dem das Schiff ins Wasser kommt steht bevor. Es wird auch Zeit denn der Staub und die allmorgentliche Flex der Hafenarbeiter bringt zwar Routine in den Morgen, aber auch eine auf Dauer schwer zu ertragende Geräuschkulisse. Ich mag den Morgen, da ist in der Werft noch alles ruhig und sobald es hier losgeht, bin ich die letzten Tage immer ins nahe gelegene Cafe gegangen um dort am Vormittag arbeiten zu können. Parallel ist hier grade noch das griechische Osterfest, dass mit unserem Weihnachten gleich zu setzen ist. Der Christlich-Orthodoxe Glaube ist angefüllt von vielen Kirchen, vielen Heiligen und pompösen Zeremonien. Während ein Schrein durchs Dorf getragen wird, werden Feuerwerkskörper geworfen und viel Lärm gemacht. Am nächsten Tag wird abends ein Fest mit der Gemeinde gefeiert, auf das zwei weitere Tage folgen in denen in der Familie gekocht und gegessen wird. Eine recht schöne Tradition wie ich finde.

Die Great Escape mit 18,90 m Länge, 5,50 m Breite, 2,90 m Tiefgang, 300 qm Segelfläche und sagenhaften 40t Gewicht soll also ins Wasser. Mit dem frischen Antifouling wirkt sie auch an Land schon sehr beeindruckend. Der Rumpf aus Stahl als sog. Rundspanter Langkiel ein Schiff wie es heute nicht mehr gebaut werden würde, wurde im Jahr 1976 in den Niederlanden gefertigt. Historische Besucher wie Ihre Königliche Majestät Prinzessin Alexandra von Kent fanden hier schon Ihren Platz und nun werde ich ein paar Wochen an Bord von ihr mitreisen.

Das Schiff wird geslippt. Ich hoffe das die Eindrücke auf den Fotos und Videos gut rüber kommen, denn es ist echt ein krassen Schauspiel was in den Minuten hier in der Werft passiert. Auf der einen Seite hat man die Seemannschaft die in Eile die letzten Arbeiten am Boot erledigt und auf der anderen Seite die Werftmitarbeiter die das Boot auf den Slippwagen befördern. Eine absolute Millimeterarbeit! Es ist mir rätselhaft wie die Jungs hier das hinbekommen und das Teamwork das während der Arbeit zu beobachten ist, zeugt von Erfahrung, Routine und Verlässlichkeit. Insgesamt ist die Werft wo wir die letzten Tage hier verbracht haben von meinem leihenhaften Standpunkt aus ziemlich super. Die Mitarbeiter sind durch die Bank weg super freundlich und hilfsbereit. Eine Hand wäscht die andere, wie man so schön sagt und das Flair ist irgendwie familiär. Ari, der hier der Hafenmeister ist, ist zwar Grieche, aber spricht fließend deutsch mit Schwäbischem Akzent wohl bemerkt. Leider habe ich versäumt zu Fragen wie lange er den Job schon macht, aber für alle Fragen oder Probleme hat er eine Lösung. Auch wenn ich selber kein Schiffseigner bin so denke ich kann ich mit absolut ruhigem gewissen behaupten, wer eine Werft auf Samos sucht, der ist bei Ari in Kallovasi bestens aufgehoben.

Und dann ist es soweit. Das Schiff setzt sich in Bewegung. Da die Great Escape ja aus Stahl ist, also mit reichlich Gewicht und sehr viel Tiefgang daher kommt ist das ganze Prozedere ein Highlight für alle Menschen die in den letzten Tagen in der Werft sind. Das schaut man sich an und Fachgespräche werden geführt. Kapitän Carsten hatte mir erzählt das das herausholen des Schiffs schon nicht einfach war, also stand uns ein spannender Moment bevor.  Das quietschen und ächzen des Slippwagens und die Enge der Parklücke in der das Schiff steht machen mir persönlich ja etwas Angst. Unvorstellbar was passieren würde wenn etwas schief geht. Erstmal in Bewegung sieht alles auf einmal ganz leicht aus.

Nach einer Rangieraktion gehts dann rückwärts ins Wasser. Anders als bei den anderen Booten bei denen ich das in den letzten Tagen beobachten konnte, muss Ari hier mit dem Bulldozer sehr weit ins Wasser fahren. Die Maschine heult auf und der Motor des Schiffes dreht hoch im Rückwärtsgang. Die umstehenden Menschen applaudieren nach dem die Aktion geglückt ist und ich eile zum Pier um dort die Leinen des Schiffs entgegen zu nehmen.

Die Aufregung legt sich und an Deck werden die Leinen sortiert, die letzten Dinge an Deck festgebunden und unter Deck alles seefest gemacht. Die Seekarte kommt auf den Tisch und dort werden sehenswerte Plätze markiert, Ankergründe besprochen und schwierige Passagen erörtert. Alle sind froh das das Schiff im Wasser ist und man dem Staub der Werft nun entfliehen kann. Eine sanfte Ruhe kehrt ein und die Anstrengungen der letzten Tage segnen uns alle mit einem tiefen und festen Schlaf.

 

 

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